Freitag, 19. Januar 2018

#freitagsgedanken – Langsamkeit


Langsamkeit

Seit über einer Woche bin ich wieder zurück in Berlin und gefühlt nur unterwegs. Das stimmt zwar nicht wirklich, aber es kommt mir so vor. Ein bis drei Termine pro Tag sind gerade der Standard.
Die Stunden, die ich zu Hause bin, verbringe ich dann im Schneckentempo. Mit Absicht.

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr denkt, ihr werdet krank, aber es passiert nichts?
Das schleppe ich seit meiner Ankunft in Berlin mit mir rum. An manchen Tagen stärker, an anderen Tagen kaum merkbar.
Ich weiß, dass ich´s jetzt nicht übertreiben darf. Letzten Sonntag hatte ich eine Extraprobe im Theater, 6 Stunden lang. Mit An- und Abreise sind es 8 Stunden. Solche Tage schlauchen ganz schön und sind saukalt. Besonders wenn man nicht selbst auf der Bühne steht, sondern nur im Publikum sitzt.

Diesen Sonntag habe ich wieder eine Extraprobe, immerhin zwei Stunden kürzer. Heute Abend ist mein intrinsify-Workshop.
Also bin ich langsam, gaaaanz langsam.
Zu Hause arbeite ich vom Bett aus, meine frisch operierte Katze G'Kar im Blick. Die Langsamkeit, die ich freiwillig wähle, wurde ihr nämlich aufgezwungen.
Mit einem Trichter auf dem Kopf marschiert sie ärgerlich durch die Gegend, weil sie nicht so toben kann, wie sie es gewohnt ist. Für einen Tag haben wir den Trichter abgemacht und sie rastete komplett aus, um alles an Bewegung nachzuholen, was ihr vorher verwehrt war. Leider ließ sie die OP-Narbe nicht in Ruhe. Also kam der Trichter wieder drauf. Und die Langsamkeit von vorher ist wieder da.

Sie hasst diese Langsamkeit, ich genieße meine. Ich brauche die langsame Gangart jetzt. Ich will im Moment die meiste Zeit einfach nur meine Ruhe haben. Rumliegen, Löcher in die Luft starren, Pinterest durchstöbern, Netflix gucken, Tee trinken, Kuchen essen.

Die letzten zwei Wochen hatte ich erstmal genug Aufregung.
Termine habe ich im Moment so einige, aber im Home-Office geht mit der Langsamkeit auch eine ziemliche Faulheit einher. Es gibt nichts dringliches, aber ich könnte natürlich vorarbeiten, Blogartikel schreiben etc.

Nächste Woche ist es ruhiger und ich kenne mich: bestimmt habe ich dann irgendwann wieder Hummeln im Hintern und will Sachen unternehmen.
Im Moment ist es jedoch terminmäßig noch nicht ruhig. Da stehen Workshops, Netzwerktermine und lange Proben an.

Ich liebe es, im Winter draußen zu sein, dick eingepackt, während der Schnee fällt.
Aber abends ist dann der Kopf ganz schön erhitzt und der Körper abgekühlt, auch wenn ich in Thermoleggings und Kuschelpulli unterwegs bin.

Deshalb wird das jetzt knallhart durchgezogen mit der Langsamkeit. Schlafhose an und mit dem Laptop auf´s Bett. Besser geht´s nicht.


Freitag, 12. Januar 2018

#freitagsgedanken – Eine andere Welt


Eine andere Welt

Ich bin zurück. Aus einer anderen Welt.
Genauer gesagt: von meiner ersten Geschäftsreise. Nach Hamburg.

Wie jetzt, andere Welt?! Hamburg ist gerade mal drei Stunden Flixbus-Fahrt von Berlin entfernt und ebenfalls eine Großstadt.
Ja, schon. Aber dennoch war ich für zweieinhalb Tage in einer anderen Welt. In einer dunklen, kalten, windigen, anstrengenden, manchmal deprimierenden und dennoch interessanten Welt.

Für zwei Tage bin ich eingetaucht in die 9-to-5-Arbeitswelt. Die Wel, in der man im Dunkeln losgeht und im Dunkeln wieder nach Hause kommt.
In die Welt der Betreuungsfachkräfte in einem Pflegeheim in der Nähe von Hamburg. In die Lebenswelt von Demenzerkrankten und denen, die ihnen das Leben erleichtern. In das klassische Modell der Arbeit, noch ganz ohne New Work.

Und gleichzeitig in eine Welt, in der Menschen ihr Herzblut in ihre Arbeit stecken. In der eine winzige Chihuahua-Hündin einer alten Frau Tränen in die Augen treibt, wenn sie dieses kleine Lebewesen fest an sich drückt, in Erinnerung an ihren Dackel.

Zugleich war ich in einer Welt, die ich nur als Zuschauer erleben kann. Ich schlief in einem ehemaligen Bordell auf der Reeperbahn mit blinkend roten Lichtern vor den Fenstern. Lange stand ich an diesem Fenster, schaute hinaus in diese fremde Welt.
Es war eine kühle, melancholische Welt. Eine Welt, in der man allein ist und sich dennoch genügt. Irgendwie.

Und während ich in dieser Welt saß, in einem blau-gestrichenen Bordellzimmer mit silbernem Stierkopf über dem Bett, erreichte mich eine Nachricht, die mich traurig machte, eine große Lebensumstellung bei einem Familienmitglied, ein Krankenhausaufenthalt.

Ich saß im Bad auf den schwarzen Fliesen, an die mit silber-glitzernden Minikacheln besetzte Wand gelehnt, und weinte.
Es tat gut und ich war dankbar für dieses kleine, kühle Reich, das ich als Rückzugsort hatte, dieses blaue Zimmer mit der hellblauen Satinbettwäsche, die mir jede Nacht vom Körper rutschte.
Ich hatte diese Welt liebgewonnen, sie war für kurze Zeit mein Zuhause geworden.

Auf dem plüschigen Flur, der nach Rauch und Parfum roch, und zwar ganz genauso wie die Wohnung meiner Oma früher, machte ich mir einen Tee und war dankbar für die Erfahrung.

An den Abenden ging die Sonne unter, während ich in Hamburg einfuhr, und ich rannte fast Richtung Wasser. Noch schnell die Speicherstadt angucken, noch schnell zu den Landungsbrücken. Ein bißchen leise klatschende Wellen und ein paar Schiffe sehen.

Auf der Rückfahrt war ich schrecklich müde. Die Tage haben geschlaucht und ich wusste, dass dies derAlltag für so viele Menschen ist.
Mir waren mein eigenes Leben und meine eigene Arbeitsweise fast ein bißchen peinlich. Dieser unglaubliche Luxus der freien Zeiteinteilung. Der unglaubliche Luxus, zu tun, was mir Freude macht.

Es war eine wichtige Reise. Sie hat mir gezeigt, wie ich arbeiten und wie ich nicht arbeiten will.
Was für ein fucking priviligiertes Leben ich eigentlich führe.
Und wie verdammt wichtig die New-Work-Bewegung ist.




Freitag, 5. Januar 2018

#freitagsgedanken – Über die Freiheit


Über die Freiheit

Nach einem entspannten und schönen Silvester war auf einmal Neujahr. Ein neues Jahr, ganz frisch und unverbraucht, bereit zum Bespielen.
Ich ging durch die ersten Tage mit einer Mischung aus Leichtigkeit und Aufregung. Ich erinnerte mich an wunderbare Erlebnisse und Momente in 2017 zurück ... wie den Tag, an dem wir spontan nach Warnemünde fuhren, im Oktober, und abends im Sonnenuntergang, eingepackt in Mantel und Schal, in einer Strandbar saßen und Cocktails tranken, um uns danach im Dunkeln im Restaurant mit einem Tee aufzuwärmen und mit dem letzten Flixbus des Tages wieder zurück nach Berlin fuhren.

Ich erinnerte mich und war dankbar für die Freiheit, die ich habe. Und auch für die Freiheit, die ich mir nehme.
Besonders die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen.

Übermorgen geht es nach Hamburg auf meine erste kleine Geschäftsreise. Diese Reise entstand – wie fast alles im Leben – als Folge meiner Entscheidungen. Als mich 2016 eine Email von Mark-Peter Althausen erreichte und er schrieb, dass er Kontakte aus dem künstlerischen Bereich suche und mir eine kostenlose Teilnahme an seinem Seminar zur Pflege von Menschen mit Demenz anbot, entschied ich mich hinzugehen. Und so entstand ein wunderbarer, fruchtbarer Kontakt und wir halten nun unser erstes gemeinsames Seminar in einem Pflegeheim.

In der Wochenmitte erhielt ich einen Anruf einer Mitspielerin einer meiner Gruppen, die mir eine private Situation schilderte, die schockierend war. Ihre Entscheidungsfreiheit wurde bestraft und sie muss sich diese Freiheit gerade mühsam aufrecht erhalten beziehungsweise erkämpfen.
Gemeinsam mit der Gruppe beratschlagten wir, wie wir nun vorgehen, entschieden uns für ein Verschieben des ersten Aufführungswochenendes und ich fühlte, was für eine wunderbare Kraft eine gemeinsame Entscheidung haben kann.
Eine Entscheidung, die wir gemeinsam treffen, kann uns stärken, uns Sicherheit geben, uns Geborgenheit schenken. Man teilt sich die Verantwortung und wächst ein Stückchen mehr zusammen.

Mit einer eigenen Entscheidung nur für uns selbst hingegen pushen wir unser Selbstvertrauen und übernehmen Selbstverantwortung. Etwas, was gar nicht leicht ist, für uns aber enorm wichtig.

Die Möglichkeit, eine Entscheidungsform zu wählen, ob gemeinsam oder allein, das ist Freiheit.

Heute früh las ich in meinem kleinen flow-Kalender ein Zitat des niederländischen Philosophen Joep Dohmen:

Das Leben ist irgendwann zu Ende, also will es unterwegs gelebt werden. Es hilft, wenn wir uns bewusst machen, dass alles, was wir tun, endlich ist. Die Endlichkeit verleiht unserem Leben Bedeutung und einen Sinn.
Ja, unser Leben ist endlich. So endlich, dass wir den Luxus der Entscheidung, den Luxus der Freiheit genießen sollten – in jedem Moment, den wir ihn haben. Wer weiß, wie oft wir das noch können. Noch 10 Minuten? Noch 10 Monate? Noch 10 Jahre?


Also dann doch lieber schnell noch die Freiheit ausnutzen. Und mit Freude Entscheidungen treffen!