Freitag, 10. November 2017

#freitagsgedanken – Komfortzone


Komfortzone

Am Dienstag war ich in einer Schauspielschule. Genauer gesagt im André Boulouri Actors Space. Ein Bekannter, der Schauspieler ist, hatte auf Facebook von dem dortigen Kurs zur Meisner Technik geschwärmt und auf Nachfrage erfuhr ich, dass es eine Drop In Class gibt, an der jeder teilnehmen kann.

Nun bin ich ja keine Schauspielerin. Zwischen Amateurschauspiel und Schauspiel als Beruf liegt eine ganze Menge Luft. Und eine ganze Menge fehlender Technik sowie – und das habe ich am Dienstag gemerkt – ein emotionaler Puffer.

Ein Schauspieler soll auf der Bühne oder im Film das menschliche Handeln und die menschliche Emotionswelt so realistisch wie möglich darstellen.
Der erste Gedanke ist, dass er diese Empfindungen einfach sehr gut spielt.
Aber ganz so einfach ist es nicht. Um eine Emotion wirklich ergreifend rüberbringen zu können, reicht bloßes Spiel nicht aus. Der Schauspieler erlebt diese Emotionen.
Die Meisner-Technik unterstützt ihn bei diesem Erleben und schult ihn darin, auf sein Gegenüber einzugehen und somit emotionale Reaktionen zu erreichen.

Puh, soweit, so abschreckend. Also für jemanden wie mich, der sich mit Emotionen manchmal etwas schwertut.
Nicht mit dem Erleben oder Zulassen, sondern mit dem Haben. Besonders bei negativen Emotionen. Hab ich halt eher weniger.

Nichtsdestotrotz wollte ich die Meisner Technik kennenlernen. Aber vor Schauspieltraining hab ich immer Angst. Denn das bedeutet Ernsthaftigkeit. Da gehts nicht um Spaß. Im Gegenteil.

Ich fuhr also zum Moritzplatz, fand das Studio und stand dort etwas hilflos rum. An mir vorbei zogen gefühlt Scharen wunderschöner, junger Menschen. Elbenwesen aus einer anderen Welt. Einer Welt, in der die Leute Schauspiel sehr ernst nehmen. Eine Welt also, in der jemand, der das nur aus Spaß macht, keinen Zutritt hat.

Das ist natürlich Quatsch, aber so fühlte ich mich. Zum Glück sprach mich die Dozentin der Drop In Class an, erzählte mir ein bißchen Theorie zur Meisner Technik und dann ging es mit der einzigen anderen Teilnehmerin in den Nebenraum.
Bitte? Drei Stunden Training, nur zu zweit? Hilfeeee!
Kurz danach tauchte noch ein junger Mann auf. Glück gehabt. Immerhin zu dritt!

Nach der Aufwärmung starteten die beiden anderen mit der Übung des Tages, ich konnte erst einmal zuschauen. Es schien gar nicht so schwer, aber ich wusste aus Erfahrung, dass der Schein trügt.
Als ich dann selbst dort stand, mich auf mein Gegenüber, auf seine und meine Handlungen und Emotionen konzentrieren musste, war es ziemlich anstrengend. Manchmal zäh, manchmal gut, aber eben vor allem anstrengend.

Auf dem Heimweg grübelte ich. Über meinen Mangel an Wut (wo zaubern andere das her?), über die Unterschiede zwischen Schauspiel und Amateurtheater und Theaterpädagogik. Über das Spielen, das Erleben, die Realität.
Und über meine Komfortzone. Der Workshop war ein Schritt heraus aus dieser Komfortzone, ein Blick über meinen Tellerrand, der mir eine andere, recht fremde Welt gezeigt hat. Eine Selbsterfahrung, die mir überraschenderweise ganz viel über mich selbst verraten hat, mir gezeigt hat, wie sehr ich Komödie und Lachen liebe, wie ich in allem den Witz suche – und wie das in solch einem Kontext unpassend und wenig zielführend sein kann.

Die Übung war für meine Arbeit und mich sehr wertvoll und wird auf jeden Fall demnächst ausprobiert. Auch generell will ich mehr über die Meisner Technik herausfinden.

Meine Achtung vor dem Schauspielberuf ist an diesem Tag enorm gestiegen.
Wahnsinn, was dieser Beruf an emotionalem Input erfordert. Und wunderbar, wie sehr Schauspieler uns an dieser Gefühlswelt teilhaben lassen.

Kommentare:

  1. Das hört sich ja total interessant an. Von der Meisner Technik musst du mir unbedingt mehr erzählen.

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  2. Da kann ich mich anschließen...
    Und du hast eher weniger negative Emotionen? Och, das doch auch nicht schlecht. ;)
    Den Witz suche ich allerdings auch überall. Also beim nächsten Essen wirst du ausgefragt!

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    1. :D ... ich glaube, ich produziere zu wenig Adrenalin oder so.;)
      Okay, dann mache ich mich schon mal bereit für die Ausfragerunde!

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