Freitag, 31. März 2017

Realismus - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der achtundvierzigste Wert ist:


REALISMUS


Wikipedia sagt ... nicht viel. Beim Googlen habe ich aber folgende Definition gefunden:
- die Haltung, bei der Beurteilung von etwas nur die wirklichen Gegebenheiten als Maßstab zu benutzen.

Realismus ist ähnlich schwer zu leben wie Objektivität. Wir Menschen neigen dazu, Erfahrungen sofort einzufärben und so den Realismus zu verwischen. Wir nehmen unsere Umgebung über unsere Sinne war, sie erzeugt Emotionen. Sachlichkeit, die für Realismus wichtig ist, fällt uns deshalb sehr schwer. Interpretation ist für uns viel natürlicher und passiert automatisch.

Auf der Bühne ist Realismus nur eine von vielen Möglichkeiten, etwas zu erzählen. Aber - und das ist das wirklich spannende und herausfordernde - es ist wichtig, einen Bühnenrealismus zu haben.
Wenn auf der Bühne, oder auch im Film, eine Geschichte erzählt wird, kann diese in dieser oder einer anderen Welt spielen, zur aktuellen Zeit oder in der Vergangenheit oder Zukunft. Es kann eine Märchenwelt sein, Fantasy oder Science Fiction, mit Drachen, mit Außerirdischen, mit Monstern oder lebendigen Spielzeugen.

Aber diese Welt, die für den Zuschauer erschaffen wird, muss in sich selbst realistisch sein. Sie schafft ihre eigenen Maßstäbe, denen sie treu bleiben muss. Sie hat - wie auch unsere reale Welt - Prinzipien und Regeln, denen sie unterliegt. Diese Regeln bilden ein riesiges Netzwerk und beeinflussen sich gegenseitig.

Diesen ureigenen Realismus einer Geschichte aufrechtzuerhalten, ist eine Aufgabe, die den Mitspielern meiner Kurse und auch mir oft gar nicht bewusst ist.
Man kann sie ignorieren - und manchmal machen wir das auch mit Absicht oder weil wir keine Lust oder Zeit haben, darauf zu achten.
Aber eine Geschichte wird umso runder, geschmeidiger und einladender je mehr wir bereit sind, diese Regeln zu beachten und auch selbst zu erschaffen.

Gerade das Improvisationstheater hat damit zu kämpfen, da es oft ohne Bühnenbild gespielt wird. Im realen Leben würde das so aussehen:



Ich erlebe oft, dass meine Mitspieler Angst haben vor fantastischen oder märchenhaften Stoffen. Sie glauben, dass das Publikum sich mit den Charakteren nicht so gut identifizieren kann wie mit denen in einer "realistischen" Geschichte. Eine fantastische Geschichte sei zu absurd, zu weit entfernt vom Publikum.
Dabei lieben wir Menschen fantastische Geschichten. Und die Charaktere sind uns durchaus nah, wir fiebern mit ihnen, wir leiden und freuen uns. Ob in "Herr der Ringe", "Star Wars" oder "Toy Story", die Figuren reißen uns mit. Gerade WEIL sie in einer anderen Realität leben als wir.

Sie zeigen uns eine Welt, die sein könnte, aber nicht ist. Sie sind mit Abenteuern konfrontiert, die wir nicht erleben werden oder können. Aber sie sind unser Avatar, sie zeigen uns, wie man in solch einer Welt lebt, wie diese Gefahren gemeistert werden können. Und somit erweitern sie unsere Erlebniswelt, indem sie stellvertretend für uns als das erleben können, was uns verwehrt bleibt. Dafür lieben wir sie.

Realismus ist nicht das, was uns Menschen anspricht. Es sind Emotionen, die uns mitreißen, Bilder, die uns ansprechen, Worte und Klänge, die uns berühren. Manchmal ist es nur ein Satz, der uns öffnet, der uns staunen, lachen oder weinen lässt. Ob dieser Satz von Queen Elisabeth, G'Kar oder Pippin kommt, ist dabei egal. Unser Empfinden ist gleich.

Realität ist immer das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können und was von unserem Umfeld als Realität bestätigt wird. Die Welt auf der Bühne hat ihre ganz eigene Realität. Je mehr und besser wir das Publikum einladen, in diese Welt einzutauchen, desto realer und beeindruckender wird sie.


Dieses Mal schließe ich mit einem Zitat von Ben Gurion:

Foto: "Gerüchte, Gerüchte", Theatergruppe Spielschauer: https://www.facebook.com/spielschauer

Montag, 27. März 2017

Meine Top 3 Theaterbücher: "IMPROVISATION UND THEATER" (Keith Johnstone)



Ab und zu werde ich von (angehenden) Kollegen oder Mitgliedern meiner Theatergruppen nach guten Büchern zum Thema Theaterpädagogik gefragt.
Die Antwort darauf ist ziemlich schwer, denn es gibt zu dem Fachbereich Bücher wie Sand am Meer. Viele sind überflüssig, wenn man sowieso eine Ausbildung besucht hat, andere sind sehr gut, wieder andere sehr spezifisch auf einen bestimmten Bereich (z.B. Arbeit mit Schülern) ausgerichtet.

Meine Fachliteratur-Bibliothek ist sehr klein (im Gegensatz zu der vieler KollegInnen), denn ich zehre noch immer von dem extrem umfangreichen Material meiner Ausbildungszeit und wandle die Übungen, Spiele und Vorgehensweisen so ab wie ich es für meine Arbeit brauche.

Dennoch gibt es drei Bücher, die ich einfach wahnsinnig gut finde - und zwar nicht nur für Theaterpädagogen!
Diese drei möchte ich in einer kleinen Serie vorstellen.

Den Anfang macht ein absoluter Klassiker, quasi meine Bibel:

"IMPROVISATION UND THEATER" von Keith Johnstone.

Ich habe das Buch in einer deutschen Übersetzung von Petra Schreyer und finde sie gut. Wobei mich auch die Originalausgabe sehr reizen würde.

Dieses Buch ist FÜR JEDEN ein Gewinn! Für jeden, der mal Kind war, für jeden, der jemals eine Schule besucht und/oder eine Ausbildung/ein Studium durchlebt hat.

Keith Johstone ist einer der Begründer des modernen Improvisationstheaters und ich habe hier und hier schon ausführlicher über ihn geschrieben.
Da ich viel mit Improvisation arbeite, haben mich natürlich seine Ansichten und die Ursprünge interessiert.



Johnstone beschreibt in diesem umfassenden Buch sowohl seine Kindheit, seine Schulzeit und die eigene Zeit als (Schauspiel-)Lehrer und Autor. Er beschreibt, wie er mit seinen Schauspielschülern umgeht, welche Probleme viele Erwachsene haben, welche wunderbaren Fähigkeiten einem in der Schulzeit abtrainiert werden.

Neben vielen Beispielen aus seinen Kursen, erzählt er auch Geschichten von Kollegen, er berichtet von Experimenten mit seinen Schülern und neuen Ideen und Theorien, die daraus entstanden.




Der erste Teil des Buches ist eher autobiografischer Natur, danach folgt ein wirklich toll geschriebener Teil über Status-Verhalten und danach viel über Spontaniät und Improvisation sowie über Erzähltechniken, was viel über die menschliche Psyche und die innere Zensur verrät.

Der letzte Teil über Masken und Trance ist schwer zugänglich, wenn man nicht mit der Thematik arbeitet. Und nein, ich arbeite bis jetzt auch nicht mit Masken und habe diesen Teil nur rudimentär gelesen.
Dafür andere Teile umso öfter.





Das Buch ist KEIN Sachbuch, man muss sich also auf eine autobiografische Reise einlassen, auf Sprünge und einen intuitiven Erzählstil.
Aber das Buch nimmt einen gefangen, die Persönlichkeit Johnstones wird klarer und es gibt viele Aha-Momente.
Für Theaterpädagogen gibt es auch eine Menge Übungen und Ideen zum Nachmachen und Abwandeln.





Eines meiner absoluten Lieblingsbücher überhaupt. Ever!

Freitag, 24. März 2017

Gerechtigkeit - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der siebenundvierzigste Wert ist:


GERECHTIGKEIT


Wikipedia sagt:
Der Begriff der Gerechtigkeit (griechisch: διϰαιοσύνη dikaiosýne, lateinisch: iustitia, englisch und französisch: justice) bezeichnet einen idealen Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen oder Gruppen gibt.[...] (https://de.wikipedia.org/wiki/Gerechtigkeit)
Gerechtigkeit gehört wohl mit zu den schwersten Werten überhaupt. Gerechtigkeit zu leben, erfordert eine Menge Disziplin und  - vor allen Dingen - Neutralität.
Was uns am meisten im Weg steht, ist unser Streben nach Macht und Überlegenheit. Das ist wahnsinnig tief in uns verankert. Wir wollen andere so gern dominieren, weil es sich einfach gut anfühlt.
Aber das macht Gerechtigkeit schwieriger. Um gerecht zu sein, müssen wir uns und unsere Interessen auch mal anderen unterordnen können, großzügig sein.

In meiner Arbeit ist Gerechtigkeit eine der größten und schwierigsten Aufgaben. Jedem muss die gleiche Aufmerksamkeit gewährt sein, jeder soll die gleichen Chancen haben, jeder soll sich auf gleiche Weise einbringen dürfen und auch müssen.
Bei Konflikten muss ich eine für beide Seiten faire Lösung finden. Ich darf nicht nach Zuneigung oder eigenem Geschmack entscheiden, sondern muss immer wieder eine neutrale Position einnehmen.
Der Fokus liegt darauf, was für die Gruppe UND für den einzelnen am besten ist.

Wenn ich eine Entscheidung im Sinne der Gruppe treffe, ist sie gerecht dem Einzelnen gegenüber? Und kann ich diese Entscheidung erklären?
Kann ich eine Entscheidung im Sinne des Einzelnen treffen, die für die Gruppe gerecht ist?

Da viele Entscheidungen in der Gruppe basisdemokratisch getroffen werden, bin ich stets Moderator und Richter zugleich. Ein Posten, der manchmal angenehm und manchmal schwierig ist. Zum Beispiel bei Abstimmungen, die einen Gleichstand ergeben. Da muss ich das Zünglein an der Waage sein und im Kopf entscheiden, welche die gerechteste Wahl ist.

Als die Vorspieler in der letzten Saison nach Stücken gesucht haben, gab es am Schluss ein Stechen zwischen Kästners "Schule der Diktatoren" und dem chinesischen Trash-Film "Personal Tailor".
Ich stimme bei den Stücken nie mit ab, denn ich stehe auch nicht auf der Bühne. Das muss die Gruppe ganz für sich allein entscheiden. Gleichstand gibt es sehr selten bei solchen Abstimmungen, aber dieses Mal gab es sie und ich sollte die letztendliche Entscheidung treffen.
Die beiden Stückvorschläge kamen von verschiedenen Mitspielern der Gruppe. Ein relativ neues Mitglied und eine langjährige Mitspielerin. Da von letzterer in den letzten Jahren schon zwei Vorschläge zur Aufführung kamen, entschied ich mich für den Vorschlag des anderen. Weil ich es gerechter fand, wenn ein anderer mal die Möglichkeit hat, einen eigenen Vorschlag auf der Bühne zu sehen.

Die Entscheidung war insofern aber riskant, weil die Gruppe ein Stück dieser Art noch nie gespielt hatte. Es war sehr klamaukig und eigenartig und im Laufe des halben Jahres, in dem wir das Stück inszenierten, blickte ich in viele entsetzte Gesichter. Viele (ver)zweifelten an diesem Stück, das so albern war und das doch niemandem ernsthaft gefallen konnte.
Ich war überzeugt, dass es am Ende gut wird, auch wenn ich durch die Zweifel der anderen manchmal ins Wanken kam.
Am Schluss war "Dreams Inc." ein unglaublicher Spaß, der das Publikum mitriss. Und was das wichtigste war: die Spieler hatten Freude am Spielen. Alle meldeten zurück, dass es wahnsinnigen Spaß machte, diese Rollen zu spielen. Und genau das ist die Aufgabe meines Jobs. Ich war erleichtert.

Hätte ich die Entscheidung aus Angst getroffen, hätte ich die sichere Kästner-Variante gewählt. Aber ich habe mich gezwungen, eine gerechte Entscheidung zu treffen, die für mich nur so möglich war. Und ich bin froh darüber.

Gerechtigkeit ist nicht immer das, was einem selbst am besten gefällt. Gerechtigkeit bedeutet, allen die gleiche Chance zu geben. Es bedeutet auch, Verantwortung für andere zu übernehmen.
Das tolle daran ist: auch wenn man es nicht geahnt hätte, wird man am Ende meist positiv überrascht.
Denn ein Mensch, der gerecht behandelt wird, fühlt sich anerkannt. Und das ist immer positiv und gewinnbringend.


Gustav Stresemanns Rezept für Gerechtigkeit ist perfekt:

Foto: "Gerüchte, Gerüchte", Theatergruppe Spielschauer: https://www.facebook.com/spielschauer

Mittwoch, 22. März 2017

#monthlyfavourites - März-Lieblinge



Es ist wieder Zeit für die Lieblinge des aktuellen Monats - die #monthlyfavourites im März!




Zum Arbeiten

Ab und zu muss ja auch mal ein klassischer Brief verschickt werden. Es war Zeit für neue Briefmarken und ich bin ein bißchen in sie verliebt, weil Schiffe drauf sind. Ja, Schiffe und Katzen ... ihr wisst schon ...

Und endlich habe ich angefangen, im Keller meinen Kostüm-Fundus zu sortieren, Gaffa-Tape und ein Edding sind dabei meine Helfer, die mir jede Tasche und jeden Koffer markieren.



 
Zum Aufhübschen

Das Wort "März" klingt so zart, dass ich dann immer Rosa-Wahn bin. Passend dazu benutze ich im Moment oft die Blushed Nudes Palette (ein Geschenk meiner Freundin Carmen) von Maybelline New York. Die Farben sind sehr dezent und passen zu jeder Augenfarbe. Leider halten sie nicht ewig, da könnte man noch an der Rezeptur arbeiten.
Ebenfalls rosa ist das extrem süß-riechende Marshmallow-Duschbad von treaclemoon, das in einer kleinen Version mit in den Urlaub kommt.
Und gegen die Sonne ist eine neue Sonnenbrille (H&M) eingezogen, mit der ich die ganze Welt in Rosa sehe - perfekt!



Zum Lesen

Es gibt eine neue Sweet Paul, die ebenfalls schon den Frühling einläutet. Ich werde wieder einige Rezepte nachkochen und bin gespannt auf die Ergebnisse.

Und - mal wieder - ist Ayn Rand mit "The Fountainhead" dabei. Ich komme so selten dazu, darin weiterzulesen, aber immer wenn ich es tue, bin ich begeisert! Das Buch macht mich fertig, weil man die Figuren in all ihren Ängsten und Unsicherheiten abstoßend und mitleiderregend und sympathisch zugleich findet und über ihre Entscheidungen ständig entsetzt ist. Es ist brilliant ausgearbeitet, aber ich schaffe immer nur ein kurzes Stück.



Zum Essen

Dieses Mal nichts, was man direkt essen kann, sondern neue Tassen (H&M Home). Der Aufdruck ist genial und die Größe perfekt, um sich aus einer Kanne immer wieder nachzuschenken. Beim ersten Hoffice-Tag mit Carmen waren sie schon im Einsatz.



Zum Stöbern

The Org Project ist ein ganz neuer Blog, der das Thema New Work aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet. Sehr interessante Beiträge über Belohnung/Entlohnung, Führung, Burnout u.ä. Schaut mal rein!



Zum Hören

Im Moment höre ich besonders gern den Soundtrack von "Hail, Caesar!". Hier zwei meiner Lieblingstitel:










Zum Anschauen

Auf Netflix finden sich immer mal wieder wahre Perlen. So auch der Film "Fremd in der Welt" (Originaltitel: "I Don´t Feel at Home in This World Anymore"):





Ebenfalls auf Netflix ist die tolle Doku-Reihe "Chef´s Table", von der es mittlerweile schon die dritte Staffel gibt. Die poetische Ruhe, die Verbindung mit Musik und die interessanten Persönlichkeiten der Köche lassen einen stets in eine ganz neue Welt eintauchen:





In Richtung Handwerk geht auch "The Great Pottery Throw Down" auf BBC Two, in der mehrere Hobby-Töpfer gegeneinander antreten. Die Sendung macht auf jeden Fall große Lust, sich selbst einmal an die Drehscheibe zu setzen. Ich denke spätestens im Sommer werde ich einen Kurs machen:



Freitag, 17. März 2017

Respekt - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der sechsundvierzigste Wert ist:


RESPEKT


Wikipedia sagt:
Respekt (lateinisch respectus „Zurückschauen, Rücksicht, Berücksichtigung“, auch respecto „zurücksehen, berücksichtigen“) bezeichnet eine Form der Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung gegenüber einem anderen Lebewesen (Respektsperson) oder einer Institution. Eine Steigerung des Respektes ist die Ehrfurcht, etwa vor einer Gottheit.[...] (https://de.wikipedia.org/wiki/Respekt)

"Respect ... just a little bit!" sang Aretha Franklin und wünschte sich in dem eigentlich recht deprimierenden, aber umso powervolleren Song mehr Respekt von ihrem Partner.
Ein verständlicher Wunsch, nicht wahr?

Aber Respekt als Wert bedeutet vermutlich weniger, dass man einfach respektiert wird, sondern viel mehr, dass man Respekt selbst lebt, also ihn auch anderen entgegenbringt.
Man achtet sein Gegenüber als eigenständiges Individuum, man gibt der Person Raum und Freiheit zur freien Entfaltung, man verhält sich wertschätzend.

Das scheint ganz schön schwer, so in der Summe. Respekt haben und halten, ist auch wirklich anstrengend. Denn unser natürlicher Egoismus, der uns schützt, muss dafür ab und zu mal Pause machen und Raum schaffen für die Wahrnehmung anderer.

Andere zu respektieren heißt, dass man Andersartigkeit erträgt. Und das ist bekanntlich etwas, was uns Menschen am schwersten fällt. Wir können uns nicht exakt in andere hineinversetzen, dafür müssten wir komplett die Körper tauschen. Da das nicht geht, haben wir ein Problem: wie sollen wir dem, was in der anderen Person vorgeht, die gleiche Wertigkeit entgegenbringen wie unseren eigenen Gefühlen? Ganz einfach: in dem wir uns in erster Linie als Mensch sehen. Nicht als Lehrer und Schüler, nicht als Mann und Frau, nicht als Chef und Angestellter, nicht als Inländer und Ausländer. Sondern erst einmal nur als Mensch.

Vielleicht ist die Angst groß, dass wir einem anderen mit Respekt zu viel "schenken". Zuviel Anerkennung geben, zuviel Aufmerksamkeit. Aber keiner verlangt, dass wir das Gegenüber mögen müssen. Respektieren heißt nicht Liebhaben. Respekt ist eine wohlwollende Art der Neutralität. Im Gegensatz zur Toleranz, die eher eine Duldung ist. Beim Respekt besteht keine Gefahr für das Wohlbefinden des Gegenübers, die Toleranz steht mehr unter Spannung.

Ich habe einige Jahre gebraucht, um mir eine respektierende Haltung anzueignen. Eigene Unsicherheit hat es mir schwer gemacht, andere Charaktereigenschaften und Interessen zu respektieren. Je unsympathischer mir ein Gegenüber war, desto schwieriger fiel mir der Respekt. Was mir geholfen hat? Die Erkenntnis über Status-Verhalten und infolgedessen das wiederholte Heraustreten aus meinem Denken, um von außen auf mein Verhalten zu gucken und zu merken, wie verletztend eine unbewusste Bemerkung sein kann.
Status-Kämpfe sind mir mittlerweile bewusster und ich bin flexibler.
Wird mir dadurch mehr Respekt entgegengebracht? Ich weiß nicht, was in den Köpfen der anderen vorgeht, aber ich fühle mich gut. Beim Networking, bei der Arbeit, unter Kollegen, bei meinen Freunden. Und das ist für mich das wichtigste.

Rousseau fand dazu besonders schöne Worte:

Foto: "Meister und Margarita", Theatergruppe Vorspiel: https://www.facebook.com/TheatergruppeVorspiel

Mittwoch, 15. März 2017

"Gespenster" - Deutsches Theater Berlin



"Muss ein Kind seinen Vater lieben?"

Das Licht ist kühl, die Figuren auf der Bühne wirken privat und distanziert zugleich, sie hüpfen und tanzen, gehen von der Bühne ab und kommen wieder auf, sie tuscheln, sie betrachten das Publikum und sind immer ein bißchen weit weg.
So findet der Einstieg in die Inszenierung "Gespenster" von Sebastian Hartman am Deutschen Theater statt, die Ibsens "Gespenster", Strindbergs "Der Vater" und Heines "Deutschland. Ein Wintermärchen" miteinander verflicht.
Die Inszenierung beginnt fast unmerklich, eine Gestalt löst sich aus dem Hintergrund, kommt nach vorn und beginnt zu singen, einen Text von Heinrich Heine. Es ist Linda Pöppel, mit der ich lustigerweise in der Schule im Kurs Darstellendes Spiel auf der Bühne stand. Sie singt ein bißchen rau, traurig, kräftig und schön. Ein Pianist und ein Gitarrist begleiten sie, raffiniert in der Loge neben der Bühne wie auf einer Mini-Bühne platziert.

Der Beginn legt auch gleich die Stimmung der Inszenierung fest: düster, seltsam fremd und gleichzeitig intensiv und kraftvoll, ja sogar brutal. Eine Collage, die besonders die Beziehungen zwischen Mutter, Vater und Kind in den Fokus rückt. Die Optik wirkt historisch, fast puritanisch, mit schwarzen Wallegewändern, einer kargen Bühne und dem sparsamen, aber gezielten Einsatz von Licht.

Und vor dieser schwarz-weißen Kulisse, die mich besonders in dem Moment flasht, als animierte Illustrationen auf den Hintergrund projiziert werden und einen in einen regnerischen, düsteren Märchenwald versetzen, werden wichtige Familienfragen verhandelt, zeitlose Fragen zu den Beziehungen zwischen Kindern und Vätern, Kindern und Müttern und zwischen Elternpaaren.
Wem steht das Kind näher? Wer liebt es mehr? In wem zeigt sich das Erbe der Eltern? Und sind wir überhaupt Individuen mit eigenen Entscheidungen oder nur Gespenster, die alles in sich tragen, was in der Geschichte der vorherigen Generationen passierte?
Trotz der Härte und des intensiven und extrem körperlichen Spiels, trotz der poetischen Momente, gibt es auch lustige Stellen, grandios gespielt.
Mein lautes Lachen empört aber die Moralpolizei, in Form dreier älterer Frauen neben mir, die sich etwas cartoonesk immer nacheinander mit zugekniffenem Mund zu mir umdrehen, wenn ich laut auflache. Aber irgendwas ist ja immer, in diesem Fall eigenartige Sitznachbarn.

Es ist eine Inszenierung zum Staunen, zum Lachen und zum Weinen. Und Theater in Reinform.
 

Montag, 13. März 2017

Energizer - Wachmacher-Spiele für Seminare


Beim LifeWorkCamp im November in Berlin wurden im Tagesablauf neben den regulären 45-minütigen Sessions auch kleine kurze Aktivsessions eingeplant - nach dem Mittagessen und nach der Kaffeepause. Sie dauerten jeweils 15 Minuten und dienten dem Wachwerden nach dem Fresskoma. Ich fand die Idee super und wusste, dass ich unbedingt ein paar Konzentrationsspiele anbieten möchte.
Am Morgen des ersten Tages lernte ich Claudia Gallus von betterplace.org kennen und unterhielt mich unter anderem mit ihr auch über meine Theatertätigkeit und Barcampsessions und sie nutzte für solche Spiele den Begriff "Energizer".
Das fand ich super und nannte meine erste Aktiv-Session so.
Als ich nach dem Barcamp mit Claudia schrieb, fragte sie mich nach einer Website mit solchen Spielen. Da ich mein Repertoire größtenteils in meiner Ausbildung gelernt habe und bei Fortbildungen ergänze, wusste ich spontan keine Seite zu nennen.
Mittlerweile habe ich gegoogelt und es finden sich so einige Seiten mit Spielesammlungen.
Manche funktionieren super, andere gar nicht. In den letzten Jahren habe ich so einiges ausprobiert und ein paar Favoriten in meiner Sammlung, die ich gern mit euch teilen.

Deshalb hier drei meiner liebsten Konzentrationspiele, für die es keinen großen Raum benötigt und die ohne Tiernachahmung oder sehr große körperliche Verrenkungen auskommen (wobei das natürlich auch sehr viel Spaß machen kann!).



Synapsenfasching

Die Teilnehmer finden sich in 3er-Gruppen zusammen (oder werden ausgelost). Jede Gruppe sucht sich einen Platz im Raum und stellt sich in einem kleinen Dreieck auf.
Eine Person beginnt und klatscht die Hände zusammen, in Richtung eines anderen Teammitglieds.
Und jetzt wird es schwierig: als nächstes ist derjenige dran, der NICHT angeklatscht wurde und auch nicht selbst geklatscht hat. Er klatscht einen der anderen beiden an, es macht dann wieder der weiter, der NICHT angeklatscht wurde.
Die Regel klingt einfach, verwirrt aber ungemein und fordert unser Gehirn ganz schön heraus.
Der Ablauf sieht dann beispielweise so aus:
1 klatscht zu 2
3 klatscht zu 2
1 klatscht zu 3
2 klatscht zu 1
3 klatscht zu 1
... usw.



Hi, Ha, Ho
Alle Teilnehmer stehen im Kreis, mit ein bißchen Abstand zueinander, um etwas Armfreiheit zu haben. Es wird reihum geklatscht, immer zum linken Nebenmann. Passend dazu gibt es einen passenden Laut, der laut, deutlich und enthusiastisch ausgerufen wird: "Hi!".
Danach wird eine Runde rechtsherum geklatscht, mit dem Ausruf "Ha!".
Nun kann abwechselnd nach links oder rechts geklatscht werden, die Teilnehmer können je nach Laune jederzeit die Richtung ändern.
Wenn die Gruppe das gut und schnell beherrscht, kommt als dritte Möglichkeit ein Klatschen quer durch den Kreis hinzu, ein Klatschen das also zu jedem außer den direkten Nachbarn gehen kann, zusammen mit dem Ausruf "Ho!".
Mit diesen drei Möglichkeiten wird nun geübt und nach und nach das Tempo und die Intensität soweit wie möglich gesteigert.



Peng

Alle Teilnehmer stehen im Kreis, mit jeweils etwa einer Armlänge Abstand. Eine Person steht in der Mitte des Kreises, dreht sich ein paar Mal und richtet dann überraschend mit ausgestrecktem Arm den Finger auf einen der Spieler im Kreis und ruft laut "Peng!".
Diejenige Person muss sich sofort ducken, um nicht "erschossen" zu werden und die beiden Spieler rechts und links von ihr wenden sich einander zu und "erschießen" sich mit einem gleichzeitigen lauten "Peng!" gegenseitig. Reagiert eine der Personen zu langsam oder macht einen Fehler (duckt sich nicht, überlegt zu lange ...), löst sie den Spieler in der Kreismitte ab und muss sich nun neue Opfer aussuchen.
In dem Spiel geht es um Reaktionsschnelligkeit, das Tempo sollte also nach und nach angezogen werden.
Tipp: Wem das "Peng!" zu brutal ist, der kann es selbstverständlich auch durch andere Wörter oder Laute ersetzen, z.B. ein lautes "Ha!", "Da!", "Du!", "Yeah!" oder ähnliches.



Kennt ihr andere tolle Energizer? Dann immer her damit, schreibt sie gern in die Kommentare, ich bin gespannt!

Freitag, 10. März 2017

Erfolg - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der fünfundvierzigste Wert ist:


ERFOLG


Wikipedia sagt:
Der Begriff Erfolg bezeichnet das Erreichen selbst gesetzter Ziele. Das gilt sowohl für einzelne Menschen als auch für Organisationen. Bei Zielen kann es sich um eher sachliche bzw. materielle Ziele wie zum Beispiel Einkommen oder um emotionale bzw. immaterielle Ziele wie zum Beispiel Anerkennung handeln. [...] (https://de.wikipedia.org/wiki/Erfolg)

Nach Erfolg streben wir alle. Wir wollen etwas und fühlen eine tiefe Befriedigung, wenn wir es erreichen. Jeder Mensch liebt es, Erfolg zu haben.
Er ist essentiell für unser Selbstvertrauen. Mit jedem Erfolgserlebnis, das wir haben, wird unser Selbstbild weiter ausgebaut und das Vertrauen in uns selbst gestärkt. Jeder Erfolg gibt uns die Sicherheit, dass wir uns auf uns selbst verlassen können, das wir aus eigener Kraft im Stande sind, etwas zu erreichen oder zu erschaffen.

Doch leider verlernen wir ab dem Jugendalter, dass Erfolg ein Scheitern voraussetzt. Wir wollen immer erfolgreich sein, wollen keinerlei Niederlage erleben.
Denn ein Scheitern tut weh. Das Scheitern zeigt uns unsere Schwächen, die wir doch so gern negieren wollen. Wir wollen gar keine Schwächen haben, sondern nur Stärken. Und die Tatsache, dass das nicht möglich ist, ist schwer zu ertragen.
Als Kind konnten wir das gut. Da gehörten Fehler wie selbstverständlich dazu. Laufen lernen wir eben durch Hinfallen.
Grundsätzlich impliziert der Vorgang des Lernens, dass wir Fehler machen. Nur so können wir uns etwas aneignen. Wir kommen auf diese Welt und müssen sie und uns kennenlernen. Wir müssen lernen, zu laufen, zu essen, zu trinken, unsere Hände zu benutzen, Menschen einzuschätzen, zu Lesen, zu Schreiben, zu Rechnen, zu Denken ... als das wird auf einem steinigen Weg des Scheiterns gelernt. Und dieses viele Scheitern macht uns als Kind nichts aus. Es gehört dazu wie das Atmen, es ist selbstverständlich.

Wenn wir dann älter werden, wird das Scheitern peinlich. Es wirkt, als könnten wir etwas nicht. Wir wollen aber zeigen, was wir schon alles können und was wir alles wissen. Wie abgeklärt und weltgewandt wir sind. Wie klug und selbstsicher. Aber das sind wir gar nicht. Und je mehr wir gelernt haben, je mehr wir uns einbilden schon zu können, desto mehr schmerzen die Fehler, die wir machen.
Denn auf einmal sind wir erwachsen und haben keine Ausrede mehr. Wir können nicht mehr sagen "Das wissen nur Erwachsene." oder "Wenn ich groß bin, dann ...".
Wir haben das Gefühl, dass wir nun alles können müssen. Doch das ist absurd. Niemand kann alles. Und das wäre auch deprimierend, denn dann kann er ja gar nichts mehr lernen.
Scheitern gehört zum Erfolg dazu, das eine ist ohne das andere kaum möglich.

Mittlerweile wird es immer mehr Trend, das Scheitern zu feiern. Es gibt MeetUps, in denen Scheiter-Geschichten erzählt werden. Es gibt Firmen, die den Fehler der Woche zelebrieren (WTF?!).
Aber vielleicht geht das zu sehr vom eigentlichen Kern der Sache weg, denn solche Aktionen fördern wieder den Wettbewerb. Es geht nicht darum, dass ich am krassesten gescheitert bin oder den dümmsten Fehler gemacht habe. Es geht darum, wie ich mit dem Scheitern umgehe. Denn hier liegt die größte Schwierigkeit: das Zugeben, dass der Weg zum Erfolg mit Schmerz zu tun hat. Das Scheitern an sich gibt eine gute Story ab - der Schmerz, den wir dabei empfinden, nicht. Doch er gehört genauso dazu.
Es bringt nichts, diesen Schmerz zu zelebrieren oder zu verschweigen. Wir müssen ihn nur aushalten - und vor anderen zugeben.





Erfolg belohnt uns für die steinigen Wege dorthin. Und diese Wege sind so steinig, weil sie Einsatz erfordern. Aber nur wenn der Erfolg wirklich selbst verursacht ist, fühlt er sich gut an. Wenn wir wissen, WAS wir geleistet haben.
Wenn wir uns selbst anerkennend sagen können: "Diesen Erfolg habe ich mir verdient!".

Passend dazu ein Zitat von Danny Kaye:

Foto: "Meister und Margarita", Theatergruppe Vorspiel: https://www.facebook.com/TheatergruppeVorspiel

Freitag, 3. März 2017

Beliebtheit - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der vierundvierzigste Wert ist:


BELIEBTHEIT


Wikipedia sagt ... nicht viel. Nur bei Wiktionary gibt es eine - natürlich offensichtliche - Erklärung:
Eigenschaft, beliebt zu sein
(https://de.wiktionary.org/wiki/Beliebtheit)

Wie schön: Beliebtheit. Ein Wert, der uns Menschen in der Regel meist ein inniger Wunsch ist.
Jegliche Interaktion mit anderen Menschen dient in der Regel dazu, uns beliebt zu machen. Ob bewusst oder unbewusst. Denn Beliebtsein heißt für uns Geliebt-Werden. Und nach Liebe suchen wir stetig, wir brauchen die Anerkennung, die Nähe, das Angenommenwerden.

Aber ist Beliebtheit wirklich Geliebt-Werden? Ich denke nein. Eine Definition von "beliebt", die ich gefunden habe, lautet:
so, dass jmd. oder etwas von vielen Menschen als sympathisch angesehen wird und allgemein geschätzt wird.
Das klingt nicht nach Liebe. Aber es klingt nach Anerkennung. Der Unterschied zwischen Beliebtheit und Liebe liegt also im Verhältnis zum Gegenüber. Beliebtheit richtet sich an eine größere Gruppe von Menschen, sie ist allgemeiner und beschreibt die Wertschätzung mehrerer Menschen mir gegenüber.
Liebe hingegen ist konzentrierter und richtet sich von einem Individuum ans andere.

Aber wenn Beliebtheit keine Liebe im eigentlichen Sinne ist, warum ist sie uns dann so wichtig?
Beliebtheit ist für uns ein Garant für Sicherheit. Eine beliebte Person fühlt sich sicherer als eine unbeliebte, denn sie wird sicherlich von anderen nicht so schnell angegriffen wie eine unbeliebte Person. Zudem kann sie sich des Schutzes und der Verteidigung ihrer Fans sicher sein, sollte ein Angriff auf sie erfolgen.
Hier gilt: je mehr Eigenschaften ich anbieten kann, die andere mögen oder die für sie von Nutzen sind, desto beliebter bin ich. Je weniger ich anderen bieten kann, desto unbeliebter bin ich.

Wir alle brauchen diese Anerkennung von anderen, denn wir sind soziale Wesen und definieren uns über den Vergleich mit anderen. Ganz ohne diese Anerkennung kommen wir nicht aus, denn sie reflektiert uns unser Selbstbild. Haben wir diesen Spiegel nicht, ist es für uns schwer, einen eigenen Selbstwert überhaupt zu entwickeln.
Dieser Wunsch nach Beliebtheit kann aber auch ungewöhnlich stark sein, wenn der Selbstwert nicht groß genug ist oder der Abgleich des Selbstbildes mit dem Außenbild schwerfällt oder sogar unstimmig ist.

Aber was können wir tun, wenn wir beliebter sein wollen? In einem Film sagte mal jemand: "Sei einfach liebenswert, dann lieben wir dich auch."

Aber wie ist man liebenswert? Was zeichnet einen liebenswerten Menschen aus?

Zum einen ist es das ehrliche Interesse am Gegenüber und die Fähigkeit gut zuhören zu können. Wenn ich meinem Gegenüber ein gutes Gefühl gebe und er sich in meiner Gegenwart wohl und angenommen fühlt, wird die Zuneigung zunehmen. Allerdings ist das nur der Fall, wenn ich meinem Gegenüber mit wirklicher Wertschätzung und Interesse begegne, bei den Erzählungen des anderen nachfrage, Verständnis zeige, ohne mich in meinen Äußerungen über ihn zu stellen

Freundlichkeit, Offenheit und Interesse sind also die Schlüssel zum Herzen des Gegenübers - Missgunst, Vergleichen und Arroganz hingegen die Feinde der Beliebtheit.

Hinterfragen der eigenen Person und Rücksprache mit anderen helfen, das Selbstbild mit der Außenwirkung abzugleichen und an anderen Sicht- und Verhaltensweisen zu feilen. Und das sollten wir nicht vernachlässigen, sonst hat leider Upton Sinclair Recht:


 Foto: "Wer zuletzt lacht", Theatergruppe GROBKOST: https://www.facebook.com/grobkost

Mittwoch, 1. März 2017

"Der Mensch erscheint im Holozän" - Deutsches Theater Berlin



Herr Geiser hat Zeit.

Noch einmal Max Frisch, noch einmal eine Bühnenbild-Inszenierung - wenn nicht sogar eine reine Bühnenbild-Inszenierung.

Der Text über den einsiedlerischen Rentner in den Bergen im Thessin ist poetisch und nimmt sich Zeit. Ausführlich wird die Natur beschrieben, die Gedanken Herrn Geisers, seine Überlegungen und Bemühungen gegen den Zerfall, gegen das Vergessen.

Die Inszenierung ist in erster Linie etwas für die Augen, den Klangteppich bilden Klaviermusik, Gesang und ruhige Stimmen.
Mit einem Pianisten am Klavier beginnt die Inszenierung, er spielt ganz vorn, vor der Bühne. Dann wird er abgelöst von einem anderen Klavierspieler, auf der Bühne. Nun wechseln sich beide ab, sie spielen auf insgesamt neun Klavieren und wandern von Ort zu Ort. Nicht nur musikalisch ist diese Inszenierung ein Genuss, sondern auch optisch. Es wird viel mit Licht gearbeitet, die Bühne ist in kühle Stimmung getaucht. Später bildet eine raffinierte Komposition aus perfekt angeordneten Spiegeln, die auf den Notenablagen der Klaviere positioniert sind, mit einem Scheinwerfer einen zick-zack-förmigen Lichtstrahl quer über die Bühne ... ein Moment wunderbarer Choreografie, der mich gefangen nimmt.

Ohne festen Erzählstrang wird die Geschichte eher fragmentartig und assoziativ dargestellt, wir "erleben" das Leben von Herrn Geiser, spüren Einsamkeit und zunehmenden Gedächntnisverlust, gegen den er versucht anzukämpfen. Gegen Ende schieben sich jedoch immer mehr graue Vorhänge von oben zwischen ihn und seine Tochter ... und somit auch zwischen ihn und uns, das Publikum, schirmen ihn immer mehr ab und der Außenwelt, lassen ihn verschwinden.

Die Inszenierung ist reine Poesie, ruhig und melancholisch.
Einziges, aber für mich leider sehr gewichtiges Manko: das wirklich sehr langsame Erzähltempo, dass viel Geduld erfordert.
Tolles Detail: Wie auch in "Biografie: Ein Spiel" wird das Bühnenbildmodell auf der Bühne präsentiert, so dass wir sie einmal im Groß- und einmal im Kleinformat sehen.