Freitag, 26. Mai 2017

Zuneigung - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der sechsundfünzigste Wert ist:


ZUNEIGUNG

der Duden sagt:
deutlich empfundenes Gefühl, jemanden, etwas zu mögen, gernzuhaben; Sympathie [...] (http://www.duden.de/rechtschreibung/Zuneigung)

Zuneigung als Wert finde ich interessant. Aber ich weiß nicht, ob damit die Zuneigung zu anderen Menschen oder deren Zuneigung zu einem selbst gemeint ist. Beides sind natürlich berechtigte Wünsche und beides zusammen ist ein wichtiger Bestandteil eines glücklichen Lebens.

Zuneigung ist etwas wunderbares und wir empfinden sie manchmal schnell und manchmal zögerlich. Je jünger wir sind, desto schneller empfinden wir Zuneigung für eine andere Person und desto süchtiger sind wir nach Zuneigung, die uns von anderen entgegengebracht wird.

Mit zunehmendem Alter dauert das mit der Zuneigung länger. Unsere Erfahrungen lassen uns vorsichtiger werden und wir werten fremde Menschen schneller ab, finden sie unsympathisch. Wir projizieren unsere Erfahrungen auf neue Bekanntschaften - manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht.

Aber was passiert, wenn wir auf fremde Menschen treffen? Wenn wir viel Zeit mit ihnen verbringen müssen. Kann Zuneigung wachsen?

Ja, sie kann. In meiner Arbeit muss ich Gruppen "händeln". Diese Gruppen müssen sich zusammenraufen und gemeinsam an einem Ziel arbeiten. Für dieses Ziel sind gegenseitiges Vertrauen und ein offener Austausch miteinander wichtig. Sympathie bzw. Zuneigung ist dabei ein wichtiger Bestandteil.

Natürlich entsteht Zuneigung zum großen Teil auf einer körperlich-biologischen Ebene, aber sie entsteht auch über Gemeinsamkeiten. Mag mein Gegenüber die gleiche Serie wie ich, erhält er gleich Pluspunkte, das gleiche gilt für Hobbies, Musik und Essen.
Wir wollen von unserem Gegenüber wissen, wie gut er/sie in unsere "Gruppe" passt, die wir im Leben um uns versammeln. Je ähnlicher unser Geschmack und unsere Interessen sind, desto schneller wächst unsere Zuneigung zur entsprechenden Person.
Ein intensiver Austausch über die eigenen Ansichten und Interessen ist für das Wachsen von Zuneigung also essentiell und braucht bei Erwachsenen deutlich mehr als die gemeinsame Lieblingsband.

Eine der stärksten und zusammenschweißendsten Gemeinsamkeiten ist Humor. Wenn wir gemeinsam lachen, zeigen wir einander Schwäche und öffnen uns. Wir gehen beim Lachen und gemeinsamen Witzeln spielerisch und leicht mit Status um, wir nehmen uns selbst nicht so ernst.
Und die Zuneigung, die wir dabei füreinander empfinden, strahlen wir auch aus. Bei einem Auftritt sogar bis ins Publikum.
Mit Humor und Lachen öffnen wir die Herzen der Zuschauer. Sie freuen sich an unserer Darbietung und sind bereit uns das mit einem Lachen zu zeigen.
Dieses Lachen ist eine Weile der Zuneigung, die den Schauspieler auf der Bühne trägt. Wie ein Surfer kann er auf dieser Welle reiten, sich von ihr tragen lassen und aus ihr neue Kraft schenken. Um sie dem Publikum zurückzugeben.

Zuneigung durch Gemeinsamkeiten ist für uns elementar, die durch Freude und Witz schweißt uns noch enger zusammen. Deshalb ist mir Humor und Raum für Spaß in meiner Arbeit wahnsinnig wichtig. Das Leben ist oft ernst und anstrengend und ich möchte einen Raum für mehr Freude, Spaß und Spiel schaffen - und somit auch für mehr Zuneigung.

So wie David Hume es beschreibt:



Foto: "Gerüchte, Gerüchte", Theatergruppe Spielschauer: https://www.facebook.com/spielschauer

Mittwoch, 24. Mai 2017

#monthlyfavourites - Mai-Lieblinge




Es ist wieder Zeit für die Lieblinge des aktuellen Monats - die #monthlyfavourites im April! 




Zum Arbeiten


Ich bin schon immer ein großer Overall-Fan gewesen und freue mich, dass jetzt mittlerweile endlich eine große Auswahl im Handel erhältlich ist, die mir auch passt.
Von Promod gibt es nun 3 neue Overalls bei mir im Schrank, die ich sogleich zur Arbeitsuniform auserkoren habe. Ein einfaches und wahnsinnig praktisches Kleidungsstück, das alles mitmacht ... besonders in der robusten Jeans-Variante.

Mein zweiter ständiger Begleiter im April sind meine Mini-Flyer. Vor wenigen Jahren bin ich für meine Veranstaltungen auf kleine Flyer im Visitenformat umgestiegen. Sie sind günstiger als die großen und man kann sie ganz einfach im Portemonnaie transportieren.



 
Zum Aufhübschen


Mein Mann hat sich eine Nähmaschine gekauft und mir dieses tolle Stirnband genäht. Es wurde schon einmal ausgeführt und passt super zu meiner aktuellen Haarlänge.
Das Armbändchen mit den kleinen Elefanten hat mir mein Bruder aus Thailand mitgebracht. Zusammen mit dem knallorangen Nagellack aus der letzten Glossybox und den selbstgebastelten Leder-Ohrsteckern in Monstera-Form ist das tropische Sommeroutfit komplett.



Zum Lesen


Auf die Leseliste haben es diesen Monat zwei Bücher geschafft, die ich schon seit etlichen Jahren im Schrank habe. Die Katzenbedienungsanleitung "Die Katze" ist leider inhaltlich etwas veraltet und enthält Tipps, die nicht mehr dem aktuellen Forschungsstand entsprechen.
Dennoch sind einige nützliche Informationen drin und ich habe viel darin geblättert, da wir diesen Monat Katzenzuwachs bekommen haben.

"Yoga im Bett" ist ein schönes Übungsbuch voller entspannender Yogapositionen, die man perfekt morgens nach dem Aufwachen oder abends vor dem Schlafengehen machen kann.



Zum Essen


Letzten Monat huldigte ich der Tardis-Keksdose, diesen Monat wird es - passend zum Wetterumschwung - Eiswürfel in Tardis- und Dalek-Form geben. Die Eiswürfelform ist ein Überraschungsgeschenk meines Mannes.
In der Biobox unseres Vertrauens sind momentan sehr oft Birnen und deshalb stehen sie auf dem täglichen Speiseplan.
Magic Gum habe ich als Kind gern gegessen und konnte letztens im Laden nicht daran vorbeigehen. Dieses lustige Knistern im Mund ist einfach genial!



Zum Stöbern

Lydia vom Blog Bueronymus muss leider gerade durchmachen, was bei mir auch das Thema der letzten Monate war. Als Erinnerung an ihren Kater hat sie einen schönen und wahren Artikel über die Dinge, die wir von Katzen lernen können, geschrieben:
https://bueronymus.wordpress.com/2017/05/10/10-dinge-die-wir-von-katzen-lernen-koennen/

Ebenfalls interessant: ihr Kurzüberblick über die Geschichte der Arbeit! Klick!

Und passend dazu bin ich über eine erschütternde und berührenden Geschichte über eine Sklavin im Amerika der letzten Jahrzehnte gestolpert. Der Artikel ist lang, aber sehr, sehr lesenswert:
Lolas Story



Zum Hören

Schon zweimal war ich bei lokalen MeetUps des Netzwerkes "intrinsify.me", das sich mit New Work beschäftigt. Die beiden Gründer des Netzwerkes stellen regelmäßig Podcasts online, in einem erzählen sie, wie sie das Netzwerk leiten: Klick!



Zum Anschauen

Endlich war ich mal wieder im Kino: in "Ghost in the Shell" mit der wunderbaren Scarlett Johansson. Sehr empfehlenswert!





Auf Netflix gibt es endlich eine neue Staffel "Sense8" - wie auch die erste Staffel absolut grandios! Eine Serie, die mich dank des fantastischen internationalen Casts sofort begeistert hat:





Ebenfalls auf Netflix findet sich dieses Juwel:




"We´ve been around" ist eine Videoserie über Transgender-Personen in der Historie. Der perfekte Link für alle, die behaupten, dass der ganze "Genderwahn" ein "Trend" sei. Hier eines der Videos, den Rest der Reihe findet ihr auf Youtube und hier: We´ve been around






Freitag, 19. Mai 2017

Dankbarkeit - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der fünfundfünzigste Wert ist:


DANKBARKEIT

Wikipedia sagt:
Dankbarkeit ist ein positives Gefühl oder eine Haltung in Anerkennung einer materiellen oder immateriellen Zuwendung, die man erhalten hat oder erhalten wird. Man kann dem Göttlichen, den Menschen oder sogar dem Sein gegenüber dankbar sein, oder allen zugleich. [...] (https://de.wikipedia.org/wiki/Dankbarkeit)

Dankbarkeit ist komischerweise ein Begriff, der in meinen Ohren oft einen abschreckenden Beiklang hat. Das liegt daran, dass Dankbarkeit gern gefordert wird.
Im Internet wird in vielen Kommentaren oder Online-Foren zu allen möglichen Themen mit der Forderung nach Dankbarkeit um sich geschmissen. Am liebsten begleitet mit der genauso vehementen Forderung nach Demut.
Egal, ob es um Flüchtlinge, Arbeitslose, Arbeithabende, Alleinerziehende, Familien, Kinder, Feministen, Frauen, Männer, Menschen oder ... geht: es sollen doch bitte alle erstmal dankbar sein.

Auch ich finde, dass die Fähigkeit zur Dankbarkeit eine wichtige ist. Wenn wir aus tiefem Herzen dankbar sein können, zeigen wir Größe und Selbstbewusstsein.

Aber Dankbarkeit ist kein Automatismus. Um dankbar zu sein, muss man etwas erhalten, was einem einen Dank wert ist. Das kann Aufmerksamkeit, Zuneigung, Lob, Anerkennung, materielle Geschenke oder Zeit sein.

Die nächste Frage ist: wem gegenüber bin ich dankbar? Wer hat mir etwas ermöglicht? Zu oft habe ich den Eindruck, man solle einem "Schicksal" oder irgendeiner "übergeordneten Kraft" dankbar sein, wenn doch die eigentliche Person, die die Voraussetzungen für den Wert / das Geschenk / die Leistung geschaffen hat, wir selbst sind.
Warum sollen wir uns bei einem diffusen, fremden Äußeren für etwas bedanken, was wir uns selbst zu verdanken haben?
Das eigentlich angemessenere Gefühl wäre Stolz: auf sich sich selbst, das eigene Verhalten, die eigene Leistung, die eigene Fantasie, die eigene Kreativität, die eigene Kraft, das eigene Engagement.

Aber Stolz ist nicht gern gesehen. Vor allen Dingen nicht Stolz auf sich selbst. Auf die Kinder darf man stolz sein, auf den Partner auch. Vielleicht auch auf die eigenen Eltern. Aber auf sich selbst? Das wird schnell als Arroganz abgetan, es gehört sich nicht.
Wer auf sich selbst stolz ist, hebt seinen Status. Wer dankbar ist, erniedrigt ihn. Beides ist absolut legitim, aber wird oft miteinander vertauscht.



Wenn wir etwas aus eigener Kraft schaffen, dürfen wir uns selbst danken.
Dankbarkeit, die uns entgegengebracht wird, ist dabei das Futter, dass die Dankbarkeit uns selbst gegenüber nährt. Wir brauchen unseren gegenseitigen Dank, um weiterhin schaffend und auf soziale Weise füreinander tätig zu sein.
Diesen Dank, wenn er empfunden wird, dem Gegenüber so auszudrücken, dass es bei ihm ankommt, ist eine wichtige Aufgabe, der wir uns mit Freude widmen sollten, ohne Scham. Egal, ob der Dank einem anderen oder uns selbst gilt. Um das zu differenzieren, müssen wir uns nur die Mühe machen, genau hinzugucken.

Einander danken ist etwas wunderbares ... wir dürfen dabei nur uns selbst nicht vergessen.


Ein schöner Satz dazu stammt von Ernst R. Hauschka:

Foto: "Wer zuletzt lacht", Theatergruppe GROBKOST: https://www.facebook.com/grobkost/

Freitag, 12. Mai 2017

Stabilität - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der vierundfünzigste Wert ist:


STABILITÄT

Wikipedia sagt:
Emotionale Stabilität ist im Gegensatz zur emotionalen Labilität die ausgeprägte Fähigkeit zur Kontrolle der eigenen Emotionen. Emotional stabile Personen zeigen ausgeglichene und wenig sprunghafte emotionale Reaktionen sowie die Fähigkeit zur raschen Überwindung von Misserfolgen und Rückschlägen. [...] (https://de.wikipedia.org/wiki/Emotionale_Stabilität)

Wenn es um emotionale Stabilität geht, bin ich wohl der Master. Ich vermute aber, dass ich wahrscheinlich einfach nur einen zu geringen Blutdruck habe. Oder zu wenig Adrenalinproduktion.

Über positives Feedback von Kunden freue ich mich immer sehr und stelle fest, dass am meisten meine Ausgeglichenheit gelobt wird. Und ja, man braucht einen kühlen Kopf in diesem wuseligen Job. In der Teamführung, die so viele verschiedene Ideen aufeinanderprallen lässt.
Das lustige ist: je aufgeregter die Teilnehmer meiner Kurse sind, desto ruhiger werde ich. Ich nehme automatisch den Gegenpol ein und lausche den vielen Ideen und Worten, die um mich fliegen.

Gestern abend war wieder Probe mit der Gruppe Vorspiel. Wir haben ihr neues Stück "Der Sturm" von William Shakespeare zu Ende gelesen und ich fragte nach ihren Gedanken und ersten Eindrücken. Erst waren alle zögerlich, einige moserten an dem komischen Ende rum und plötzlich hatte einer eine Idee, wie es stattdessen enden könnte bzw. wie man das Ende noch ergänzen könnte. Und ab der Sekunde startete ein wirklicher Sturm an Ideen, die jeder in die Runde warf. Ich fand es toll, diese freigesetzte kreative Energie im Raum zu spüren und belustigt den absurdesten Einfällen zu lauschen. Als ich dann selbst nicht mehr folgen konnte und kaum noch einer Gelegenheit hatte einen Satz auszusprechen, musste ich anfangen, die Runde ein bißchen zu moderieren.
Solch einen Sturm auszuhalten, erfordert Stabilität. Und auch wenn eine gewisse Ausgeglichenheit angeboren ist, braucht diese Stabilität Übung.
Denn Stabilität heißt nicht nur, dass sie nach außen stabil wirkt, sondern dass sie es im Inneren tatsächlich ist.

Als ich vor neun Jahren in meiner Freizeit mit der Theatergruppe Berlin startete, war von dieser inneren Stabilität noch nicht viel zu merken. Redeten alle durcheinander oder hatten - der absolute Horror - andere Ideen als ich, habe ich innerlich am Rad gedreht. Ich habe es mir nicht anmerken lassen, aber ich hatte nicht die entspannte Haltung, dass schon alles gut werden wird. Wenn meine Ideen abgelehnt wurden, hatte ich Angst, mir entgleitet alles. Ich begann hintenrum zu manipulieren und Strippen zu ziehen, unfair zu sein und zu tricksen. Alles aus der Angst heraus, die Kontrolle zu verlieren. Die nächsten Jahre waren dann ein langer Lernprozess und sind es noch immer.

Heute, neun Jahre und 26 Inszenierungen später weiß ich: es wird immer alles gut - egal wie es ausgeht.
Denn ich kann an dem, was gerade ist, nichts ändern. Aber ich kann Weichen für die Zukunft stellen und bin jederzeit frei, in eine andere Richtung zu gehen.


Arthur Schopenhauer drückt es ganz simpel aus:


Foto: "Leonce und Lena", Theatergruppe Vorspiel: https://www.facebook.com/TheatergruppeVorspiel

Freitag, 5. Mai 2017

Aufregung - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der dreiundfünzigste Wert ist:


AUFREGUNG

Wiktionary sagt:
Gefühl der Anspannung und Unruhe [...] (https://de.wiktionary.org/wiki/Aufregung)

Wie viele Menschen nennen Aufregung als wichtigen Wert im Leben? Vermutlich diejenigen, die eher abwechslungsliebende Persönlichkeitstypen sind. Aufregung ist ein Wert, der aber eigentlich für jeden von uns wichtig ist ... doch für jeden in anderem Maße.

Aufregung heißt Unruhe. Unruhe ist die Ausgangsbasis für eine neue Handlung. Wenn wir nicht in unserer inneren Ruhe sind, dann wollen wir etwas tun, um sie wieder herzustellen. Wir wollen etwas herstellen, was für uns ein angenehmer Zustand ist.
Dieser angenehme Zustand ist aber bei den Menschen unterschiedlich. Manche fühlen sich am wohlsten, wenn sich nichts verändert. Andere brauchen stetige Veränderung als Wohlfühlfaktor.
In "Das Feuerschiff" sagt Caspary: "Es gibt auch Leute, die ein Verlangen nach Unsicherheit haben."

In jedem von uns stecken beide Sehnsüchte, die nach Sicherheit und Gewohnheit sowie die nach Aufregung und Abwechslung.
Aber es dauert oft lang bis wir genau benennen können, was uns fehlt. In der Regel fehlt uns genau das, was wir aktuell nicht haben (können). Sind wir gerade in einer Phase des Umbruchs, sehnen wir uns nach mehr Ruhe, nach Angekommensein. Die Aufregung ist dann in ihrer großen Masse fast erdrückend, sie überwältigt uns. Sind wir schon lange im gleichen Zustand, kitzelt uns der Wunsch nach Aufregung, nach etwas Neuem, was unsere Routine durchbricht.

Die schwerste Aufgabe ist, selbst aktiv einen Ausgleich zwischen Aufregung und Gewohnheit herzustellen. In stressigen Zeiten Gewohnheiten zu etablieren und in ruhigen Zeiten aktiv Aufregung zu suchen.
Wie machen wir das? Ohne Selbstdisziplin schaffen wir es nicht. Zu lange wurde uns das Gegenteil antrainiert, das Leiden unter den Umständen, das Kapitulieren unter dem, was da ist.
Änderungen - in beide Richtungen - brauchen Kraft.
Am einfachsten ist es, wenn wir uns von außen einen Zwang suchen, eine Person, Gruppe oder Institution, die uns regelmäßig zur Entspannung oder Aufregung zwingt.

Ich bin kein Sportmensch, weiß aber, dass mir Bewegung gut tut. Zu Hause raffe ich mich nicht auf, etwas zu tun, und wenn dann viel zu kurz. Ich weiß, dass ich Aufregung und Herausforderung brauche, aber in meinem gewohnten Umfeld tue ich nichts dafür.
Seitdem ich einmal in der Woche zum Rücken-Yoga-Kurs gehe, habe ich einen Zwang. Noch besser: mein Mann kommt mit und wir motivieren uns gegenseitig, wirklich hinzugehen.
Manchmal ist es entspannend, manchmal schweißtreibend und anstrengend. Dann gucke ich zwischendurch auf die Wanduhr und hoffe, dass die Stunde schnellstmöglich mit der Tiefenentspannung endet. Allerdings merke ich dgerade an diesen Tagen, dass mein Körper diese Anstrengung braucht.

In meinem Beruf als Theaterpädagogin realisierte ich im Laufe der Jahre, dass eine der Hauptaufgaben, die die Teilnehmer an mir schätzen, genau der Zwang ist: der Zwang zur Ruhe und der Zwang zur Aufregung, der Zwang zur Regelmäßigkeit und Gewohnheit sowie der Zwang zur Abwechslung und Herausforderung. Ich helfe, ihrem Leben genau die Elemente hinzuzufügen, die sie benötigen - und das in einem einzigen Kurs, an einem einzigen Termin.
Diejenigen, die einen Beruf haben, der mit viel Terminen, Aufregung und Stress verbunden ist, sehen den wöchentlichen Abendtermin als Pool der Entspannung, als angenehm-wohlige Gewohnheit, als ihre Clique zum Treibenlassen, ohne Druck.
Für die Homeworker, die nicht viel rauskommen, die viel allein sind, die einen ruhigen Job haben, die vielleicht auch das Rauskommen mit ängstlichen Gefühlen verbinden, ist der wöchentliche Probentermin die Portion Herausforderung, die Prise Aufregung, die sie zum Ausgleich brauchen.

Jeder von uns kennt beide Seiten des Lebens. Und so wunderbar ein regelmäßiger Rhythmus und das Angekommensein ist, so wichtig ist auch eine ordentliche Menge Aufregung im Leben.

William James sagt es wunderbar einfach:


Foto: "Suite Dreams", Theatergruppe Tiger Alien K(r)uh: https://www.facebook.com/tigeralienkruh

Freitag, 28. April 2017

Selbständigkeit - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der zweiundfünzigste Wert ist:


SELBSTÄNDIGKEIT

Wikipedia sagt:
Selbständigkeit (auch Selbstständigkeit oder Eigenständigkeit) steht für:
  • Autarkie, die Umweltunabhängigkeit einer Gruppe oder eines Individuums
  • Autonomie, die Selbstbestimmung bzw. Eigengesetzlichkeit
  • Selbständigkeit (beruflich), Berufstätigkeit auf eigenes finanzielles und soziales Risiko
  • das Unterscheidungskriterium von einem Berg und einem Nebengipfel, siehe Berg #Kriterien für die Eigenständigkeit
Autonomie:
Als Autonomie (altgriechisch αὐτονομία autonomía ‚Eigengesetzlichkeit‘, ‚Selbstständigkeit‘, aus αὐτός autós ‚selbst‘ und νόμος nómos ‚Gesetz‘) bezeichnet man den Zustand der Selbstbestimmung, Unabhängigkeit (Souveränität), Selbstverwaltung oder Entscheidungsfreiheit. Ihr Gegenteil ist die Heteronomie.

Sie ist in der idealistischen Philosophie die Fähigkeit, sich als Wesen der Freiheit zu begreifen und aus dieser Freiheit heraus zu handeln. Auch wird die Existenz von Autonomie in der Ethik als ein Kriterium herangezogen, nach dem Individuen ethische Rechte zugeordnet werden können. [...] (https://de.wikipedia.org/wiki/Autonomie)

Selbständigkeit ist nicht nur eine Form der Erwerbstätigkeit, sondern auch ein Wert. Ein Wert, der mit Eigenständigkeit, Wachstum und Reife verbunden ist.
Es ist ein Wert, den wir gleichzeitig anstreben, aber auch fürchten.
Als Kind leben wir in Abhängigkeit von unseren Eltern und anderen erziehenden Personen. Diese Abhängigkeit sorgt dafür, dass wir keine komplette eigene Entscheidungsgewalt haben, schenkt uns aber den Luxus der Verantwortungslosigkeit.
Wenn jemand anderes über unser Leben bestimmt, müssen wir keine Verantwortung tragen. Wir müssen uns als Kind (in der Regel) keine Gedanken machen, wie wir uns verpflegen oder wo wir schlafen. Wir denken nicht darüber nach, mit wem wir zusammenleben und wer zu Besuch kommt.
Und das ist gut so, denn wir brauchen die Energie für unsere eigene Entwicklung, um uns als Individuum zu finden. Je mehr wir uns dessen bewusst werden, was uns wichtig ist und wer wir sind, desto autarker beginnen wir zu agieren.
Optimalerweise wird uns die Freiheit, die wir dafür brauchen, nach und nach gewährt.

Die Aufgabe, ein Individuum sich als Individuum begreifen und entwickeln zu lassen, es dabei zu unterstützen und später in die absolute Freiheit zu schicken, ist - finde ich - eine der schwersten.

Wir sind nur dann ein Individuum, wenn es auch andere gibt, und diese anderen brauchen wir für eben unser eigenes Selbstbild.
Wenn ich aber jemandem helfen möchte, kreiere ich automatisch eine gewisse Abhängigkeit. Eine Abhängigkeit, die mit einem Zugehörigkeitsgefühl einhergeht. Wir Menschen fühlen uns gern gebraucht, denn es erhöht unseren Status, gibt uns Stärke und Wohlgefühl.
Werden wir dann auf einmal nicht mehr gebraucht, fühlen wir uns zurückgewiesen, manchmal fallen wir auch in ein Loch. Loslassen braucht viel Selbstvertrauen.

Über die Jahre habe ich gelernt, dass es Menschen umso besser geht, je selbständiger sie sein dürfen. In meinen Kursen will ich diese Selbständigkeit fördern und den Teilnehmern somit vor Augen führen, zu was sie eigentlich fähig sind.
Lange hatte ich Angst, mich selbst als Gruppenleitung damit überflüssig zu machen. Bis ich auf die Idee kam, genau das als Herausforderung und Thema zu nehmen. So entstand Gruppendrang, ein Kurs, der das klare Ziel hat, die Gruppe am Schluss in die Selbständigkeit zu entlassen, sie von mir unabhängig zu machen. Manchmal funktioniert es gut, manchmal nicht. Ich mache weiterhin Fehler und so sehr ich Angst vor Fehlern habe, so wichtig sind sie auch, um weiter zu kommen, besser zu werden.

Denn gerade das Selbstmachen ist und war schon immer das, was ich an der Selbständigkeit mochte. Selbständig bedeutet, selbst zu entscheiden, was ich wann, wie, wo und mit wem mache. Und das sollte man zelebrieren.

Thomas Jefferson sagt dazu:


Foto: "Ernst", Theatergruppe Vorspiel: https://www.facebook.com/TheatergruppeVorspiel

Mittwoch, 26. April 2017

#monthlyfavourites - April-Lieblinge




Es ist wieder Zeit für die Lieblinge des aktuellen Monats - die #monthlyfavourites im April!



Zum Arbeiten


Zur Arbeit gehört auch die Arbeitsgesundheit, so nenne ich es einfach mal. Ich gehöre zu den vielen Menschen, die an den ersten Tagen ihrer Periode unangenehme Krämpfe haben, was bei der Arbeit zu Hause am Laptop nicht so dramatisch ist, bei der Probenarbeit vor Ort aber durchaus sehr anstrengend und schlauchend sein kann.
Bis jetzt waren immer Schmerztabletten und Wärmflasche das Mittel meiner Wahl, aber regelmäßige Einnahme von Ibuprofen ist eigentlich nicht gerade optimal. Mit Livia kam vor einiger Zeit per Crowdfunding ein kleines, handliches Reizstromgerät auf den Markt, das optimal fast den ganzen Tag getragen werden kann, die Schmerzen deutlich lindert und dafür sorgt, dass ich deutlich weniger Schmerzmittel brauche. Ein ausführlicherer Blogpost wird folgen. Ich liebe Livia auf jeden Fall jetzt schon!

Leichte Krämpfe werden auch durch eine Bauchmassage mit Thymianöl gelindert, allerdings lässt sich die Anwendung leider nicht mit Livia kombinieren (die stromleitenden Klebepads halten dann nicht mehr auf der Haut). Fürs Homeoffice oder nachts aber eine schöne Alternative. Da das Thymianöl in der puren Konzentration leicht hautreizend wirkt, habe ich mir eine eigene Ölmischung gemixt, aus etwa 9 Teilen Jojobaöl und 1 Teil Thymianöl.
Eine weitere Ölmischung nutze ich für die Spätfolgen eines kleinen Arbeitsunfalls. Im November bin ich auf dem Weg zur Probe auf der Straße gestürzt und hatte eine kleine Platzwunde am Knie. Sie ist komplett verheilt, eine rote Narbe ist aber geblieben. Da Lavendel bei der Narbenheilung helfen soll und Ölmassagen sowieso, massiere ich die Stelle regelmäßig mit meiner Lavendel-Jojoba-Mischung.

Die Partybrillen wandern nach den Aufführungen der Tiger-Alien-K(r)uh in meinen Fundus und sind einfach herrlich albern.



 
Zum Aufhübschen



Weiter geht es mit der Vorliebe für Öle. In der Glossybox im April war ein Gesichtsöl von Dr. Scheller dabei, das wunderbar frisch und zitronig riecht und das erste Öl ist, das wirklich in meine (eher fettige) Haut einzieht, ohne dass ich mich danach fühle wie ein Stück Butter. Auf dem Label steht zwar Arganöl, aber in Wirklichkeit ist es eine Mischung aus mehreren verschiedenen Ölen.

Für die Lippen ist momentan ein anderes Glossybox-Produkt im intensiven Einsatz, ein Lipbalm mit Blaubeerduft, allerdings weiß ich die Marke nicht mehr, er war im letzten Jahr in der Glossybox.



Zum Lesen


Ein- bis zweimal im Jahr muss mein Mann auf Geschäftsreise in die Schweiz. Um mir eine Freude zu machen, bringt er mir immer wahnsinnig viele Zeitschriften aus dem Flugzeug mit. Dieses Mal lese ich mit Begeisterung "Bild der Wissenschaft", besonders die Fortschritte im Bereich der Reproduktionsmedizin und die Entwicklung von Hirnschrittmachern faszinieren mich.

Eigentlich gehört das noch eher mit zum Arbeitsbereich, aber ich habe es trotzdem zum Lesestoff gepackt: Erich Kästners "Schule der Dikatoren" war neben vielen, vielen anderen Texten diesen Monat meine Lektüre. Zwei meiner Gruppen - Vorspiel und Spielschauer - haben sich diesen Monat für neue Stücke entschieden und in der Auswahlphase liest man in viele Theaterstücke und Inhaltszusammenfassungen rein. Bei den Spielschauern ist es diese Satire von Erich Kästner geworden, könnte aktueller kaum sein und wird ein großer Spaß in der Umsetzung ... die Ideen sprudeln über!



Zum Essen


Als ich vor etwa 3 Jahren krank im Bett lag, überraschte mich mein Mann mit einer TARDIS-Keksdose aus Keramik. Sie war gefüllt mit Oreos, Mini-Schoko-Leibniz-Keksen und kleinen Doppeldeckerkeksen mit Schoko-Füllung. Ich war hin und weg!
Die TARDIS (Abkürzung für "Time And Relative Dimension(s) In Space") ist das Raumschiff des Doctors in der britischen Kultserie "Doctor Who" (unten bei den Anschau-Tipps mehr dazu) und kann eigentlich ihre äußere Erscheinung chamäleonartig verändern. Leider ist diese Funktion kaputt und sie sieht von außen immer aus wie eine alte englische Police-Box.
Zum Staffelstart am Ostersamstag wurde sie wieder mit Keksen bestückt und wird stets wieder aufgefüllt, denn jeden Samstagabend muss sie einsatzbereit sein.




Zum Stöbern

Manchmal gestalte ich Webseiten oder Print-Artikel auch für andere. Vor zwei Wochen ist die Hochzeitsrednerin-Website meiner Kollegin Katja Lohmann online gegangen, schaut doch mal rein. Wenn ihr demnächst heiraten wollt und noch eine Rednerin sucht: ich lege euch Katja sehr ans Herz, weil sie einer der einfühlsamsten Menschen ist, die ich kenne. Dazu noch sehr sympathisch, locker und lustig.

http://hochzeitsrednerin-berlin.de/





Zum Hören

Vor kurzem habe ich den tollen Podcast "Here´s the thing" entdeckt, in dem Alec Baldwin mit verschiedenen Persönlichkeiten aus Film, Musik, Politik, Theater, Wirtschaft ... spricht. Kurzweilig und unterhaltsam, die Episoden sind mit einer Länge von einer halben Stunde schöne kleine Häppchen für unterwegs und zwischendurch. Meine Lieblingsfolge bis jetzt ist das Interview mit Kevin Kline.






Zum Anschauen

Mein aktueller Gruppendrang-Kurs geht seinem Ende zu und feiert am Wochenende mit den Aufführungen der Gruppe Tiger-Alien-K(r)uh seinen Abschluss!
Es ist immer ein komisches Gefühl, wenn ein Kurs zu Ende geht und man eine Gruppe, die man über ein halbes Jahr lang betreut hat, in die Freiheit entlässt.

Die Tiger-Alien-K(r)uh war und ist sehr selbständig und engagiert, organisiert Extraproben (am Samstag gab es eine Ganztagsprobe, die zweite bisher komplett ohne mich) und schleppt Kostüme, Bühnenbild und Requisiten zusammen.

Ich bin sehr gespannt, das Ergebnis auf der Bühne zu sehen und werde dieses Mal ungewöhnlicherweise als Technik dabei sein.

Für Samstag, den 29. Mai, gibt es noch Karten, reservieren könnt ihr bei mir.







Doctor Who is back! Nach über einem Jahr des Wartens gibt es endlich eine neue Staffel und es ist wunderbar, den Doctor endlich wiederzusehen. Seinen neuen Companion Bill mag ich auch sehr.





Nach Babylon 5 habe ich vor einer Weile angefangen Star Trek The Next Generation zu gucken. Die Charaktere sind anfangs noch distanziert, wachsen einem aber schnell ans Herz. Mein absoluter Liebling: Data. Weil die Musik so wunderbar ist, hier einfach das Intro:





Sehr unterhalten hat mich im April "Project Runway" auf Netflix. Es sind zwar nur zwei Staffeln online, aber ich sehe mir gerne Mode und Handwerkskunst an, also war es genau die richtige seichte Unterhaltung, wenn ich komplett abschalten wollte.





Zum Schluss die frohe Meldung für alle Suits-Fans: es gibt die 5. Staffel endlich auf Netflix. Bei uns war wieder extremes Binge-Watching angesagt und nach 3 Tagen hatten wir die Staffel durch.






Freitag, 21. April 2017

Schönheit - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der einundfünzigste Wert ist:


SCHÖNHEIT

Wikipedia sagt:
Schönheit als Gegensatz zu Hässlichkeit ist ein abstrakter Begriff, der stark mit allen Aspekten menschlichen Daseins verbunden ist. Mit der Bedeutung dieses Worts beschäftigt sich hauptsächlich die philosophische Disziplin der Ästhetik. Wie jede Wertung, ist dieser positiv besetzte Begriff von Wertvorstellungen (Bewertungsmaßstäben) und Bewertungszielen abhängig, die auch durch gesellschaftliche Konventionen geprägt werden. Welche Wertmaßstäbe dem Ausdruck „Schönheit“ zu Grunde liegen, und wie diese zustande kommen, ist auch Untersuchungsgegenstand von Natur- und Geisteswissenschaften. [...] (https://de.wikipedia.org/wiki/Schönheit)
Das ist ein Wert, der im Theater immer wieder Thema ist, in verschiedensten Situationen.
Etwas ist schön, wenn es die Sinne auf eine positive Weise anspricht, wenn es ein Wohlgefühl in uns auslöst. Ein symmetrisches bzw. stimmiges Bild in Farben und Formen, die für uns angenehm sind, die uns beruhigen und erfreuen, statt uns aufzuregen. Ein Klang, der angenehm ist, der uns bewegt, statt uns zu verschrecken. Ein Geruch, der Zuneigung und Wohligkeit erzeugt, statt uns abzustoßen.



Somit ist Schönheit ein Ideal, das gar nicht mal so leicht zu erreichen ist. Wir Menschen bemühen uns dennoch, Schönheit zu erschaffen, denn sie sorgt für eine positive Verbindung zu anderen Menschen.

So auch in der Bühnenunterhaltung. Wir sehen gern schöne Bilder auf der Bühne, wir mögen es zu Träumen und dem Alltag zu entfliehen. Nicht umsonst sind Varietéshows, Musicals, Oper und Ballett so erfolgreich: sie erfreuen das Auge, sie breiten eine opulente, wunderschöne Pracht vor uns aus, die wir in unserem Alltag nicht haben.
Theater kann ebenfalls so sein und ist es manchmal sogar.
Aber Theater hat auch noch einen anderen Anspruch, der vom Publikum erwartet wird: Theater soll die Realität spiegeln. Theater soll alle Emotionen in mir auslösen, nicht nur die guten. Es soll mich zum Lachen, zum Weinen, zum Ärgern und zum Seufzen bringen.
Und hier entsteht ein kleiner Konflikt, der uns Theatermachende herausfordert: wie schaffen wir es, den eigenen Drang nach Schönheit und Perfektion zu überwinden, um auch die Hässlichkeit des Lebens darzustellen? Oder vielmehr: die Realität.

Die einzige Lösung ist, keine Angst zu haben. Die Angst, nicht gemocht zu werden, als abstoßend empfunden zu werden, ist tief in uns vergraben. Wenn wir auf die Bühne gehen, sind wir besonders stark mit dieser Angst konfrontiert, denn dort zeigen wir uns allein vor vielen Augen anderer Menschen, die uns genau betrachten. So genau, wie wir es im Alltag gar nicht gewohnt sind. Das erfordert wahnsinnigen Mut. Wenn aber diese Schwelle einmal überwunden ist und wir gemerkt haben, dass uns dort oben nichts passiert - im Gegenteil, wir dort sogar sicher sind -, dann überwiegt nach und nach mit jedem neuen Auftritt die Freude am Mut und die Freude am Unperfekten.

Meine Spieler tun sich oft schwer, von der eigenen Schönheit Abschied zu nehmen. Sie möchten auf der Bühne attraktiv sein, kraftvoll, dynamisch, bewundernswert und stark. Aber so ist nur ein kleiner Teil der Menschen. Denn so wie es im Leben unattraktive, gemeine, hinterlistige, langweilige, bedauernswerte, schwache, böse oder abstoßende Menschen gibt, so muss es sie auch auf der Bühne geben, wenn wir das Leben dort draußen spiegeln oder gar überzeichnen wollen.

Das schöne ist: je länger jemand Theater spielt, desto entspannter wird er. Nach und nach wird einem klar: die Bühne ist keine Singlebörse, sondern ein Ort der Freiheit. Mit jedem Auftritt wächst das eigene Selbstvertrauen immer weiter. Ich kann auf der Bühne etwas sein, was ich nie im echten Leben sein will oder was ich schon immer sein wollte, mich aber nie getraut habe. Ich darf eine ganz neue Rolle spielen, ich darf genau das darstellen, was ich an anderen hasse.

Und genau das ist der Moment, indem ich genau dieses Unperfekte schön finde - weil ich es liebe.
Nicht alles auf der Welt ist schön, bei weitem nicht. Auch ist nicht jeder Mensch schön, diese Behauptung wäre vermessen. Aber die Einzigartigkeit und Vielfalt auf dieser Welt - die ist wirklich schön.


Genau so wie Christian Morgenstern es in diesem Zitat beschreibt:

Foto: "Meister und Margarita", Theatergruppe Vorspiel: https://www.facebook.com/TheatergruppeVorspiel